Stirnimann als Kirchenmaler: Geldquelle oder künstlerische Herausforderung?
Ab den frühen 1870er-Jahren erhielt Kunstmaler Stirnimann immer wieder Aufträge für Kirchenmalereien. Diese teilweise recht umfangreichen Engagements waren vielleicht wichtiger als Geldquelle, denn als künstlerische Herausforderung.
Der Architekt L. I. Sutter-Meyer
Auffallend ist, dass verschiedene dieser Arbeiten vom Architekten Ludwig Isidor Sutter-Meyer geleitet wurden. Sutter-Meyer (1838 Weggis – 1880 Baden) war ein in Luzern tätiger Architekt, der auf das «Gebiet der kirchlichen Baukunst» spezialisiert war.[1]
Stirnimann hatte offensichtlich gute Beziehungen zu Sutter-Meyer, erwähnt er doch schon 1871 seine «Freundschaft mit Hr. Sutter».[2] Tatsächlich sind die beiden einander im Rahmen von Kirchenbauten bzw. -restaurationen in Appenzell, Fislisbach, Sarnen, Schötz und Ettiswil in der einen oder anderen Form begegnet, wie die folgenden Abschnitte zeigen. Ob dies rein zufällig geschah oder ob Stirnimann und Sutter hier bewusst ihr Netzwerk spielen liessen, lässt sich aus den Quellen nicht beantworten.
Kirchen in Appenzell, Seedorf und Fislisbach
Die ersten bekannten Kirchenmalereien erstellte Stirnimann zu Beginn der 1870er-Jahre – also im Alter von etwa 30 Jahren. In der bisherigen Literatur blieb unerwähnt, dass Stirnimann für die 1870 durchgeführte Renovation der Kirche St. Mauritius in Appenzell zwei Bilder erstellte.[3] Die Renovationsarbeiten standen unter der Leitung von Ludwig Sutter-Meyer. Wie der Bauakkord zeigt, agierte Sutter-Meyer als ‹Generalunternehmer› und vergab die Aufträge für die Arbeiten selbst.[4]
Ein Jahr später, 1871, war Stirnimann im urnerischen Seedorf tätig. Im Rahmen der Innenrenovation der Pfarrkirche malte Stirnimann zwei Seitenaltarbilder. Beide wurden offenbar 1872 von Melchior Paul von Deschwanden noch etwas überarbeitet.[5]
«... so können Sie versichert sein, daß ich allen Ernst u. Fleiß aufbieten werde, um Sie, Hr. Sutter u. die ganze Gemeinde zufrieden zustellen, denn ich habe Sie lieb gewonnen. Tausend Grüße für ganz Fislisbach»!
Ebenfalls als Kirchenmaler engagiert war Stirnimann 1871/72 sowie 1874 in Fislisbach. Hier erstellte er ein neues Hochaltarblatt, das linke Seitenaltarbild und renovierte das Kreuzigungsbild auf dem rechten Seitenaltar.[6] Stirnimann ging diese Arbeit mit Enthusiasmus an, wie einem an Pfarrer Leonz Widmer (1824–1902)[7] gerichteten Brief zu entnehmen ist: «[…] so können Sie versichert sein, daß ich allen Ernst u. Fleiß aufbieten werde, um Sie, Hr. Sutter u. die ganze Gemeinde zufrieden zustellen, denn ich habe Sie lieb gewonnen. Tausend Grüße für ganz Fislisbach»[8]. Offenbar konnte Stirnimann seinen Auftrag zur Zufriedenheit der Fislisbacher Kirchenpflege erledigen, beschloss dieselbe doch, dem «Künstler Stirnimann v. Ettiswil Ct Luzern» «den verdienten Dank u. die vollste Anerkennung öffentlich auszusprechen»[9].
Pfarrkirche Ettiswil
Ein Grossauftrag wurde Stirnimann in seinem Heimatdorf Ettiswil erteilt: Der zwischen dem «Herrn Kunstmaler» und der Kirchenverwaltung Ettiswil geschlossene Vertrag vom 21. Januar 1873 statuierte in Artikel 1: «Die Kirchenverwaltung übergibt dem Hrn. Stirnimann die Ausführung sämtlicher Gemälde im Schiffe der Pfarrkirche Ettiswil».
«Die Kirchenverwaltung übergibt dem Hrn. Stirnimann die Ausführung sämtlicher Gemälde im Schiffe der Pfarrkirche Ettiswil».
Rund 30 Bilder am Gewölbe, an der Empore, für die Altäre auf der Männer- und der «Weiberseite» sowie für die Kreuzweg-Stationen mussten somit erstellt werden. Stirnimann verpflichtete sich, diese «Arbeiten bis im Frühling 1876 zu vollenden».[10] Das von Stirnimann geschaffene Seitenaltarbild ‹Maria Himmelfahrt› löste dabei eine heftige Kontroverse aus, da angeblich die nicht für einen sonderlich madonnenhaften Lebenswandel bekannte Serviertochter des ‹Rössli› dafür Modell gestanden war. In der Folge kam es zu einem regelrechten Bilderstreit, der in einem Schiedsgerichtsprozess mündete.[11] Details zu diesem Streit finden sich im Exkurs unter Bilderstreit Ettiswil.
Weitere Kirchenmalereien
Gemäss Meyer-Sidlers Biografie wurde Stirnimann im Verlaufe seiner Künstlerkarriere auch in den Luzerner Gemeinden Buttisholz (1874), Sursee bzw. Mauensee (1879), Romoos (1888), Grosswangen (unsicher) sowie im solothurnischen Schönenwerd (1890) mit Kirchenausmalungen beauftragt.[12]
Ergänzt werden muss diese Auflistung mit der Herz-Jesu-Darstellung Stirnimanns in der Kapelle des Konviktgebäudes und Pensionats ‹Niklaus von Flüe› in Sarnen. Bemerkenswert ist, dass auch die Ausstattung dieser Kapelle nach Plänen Sutter-Meyers erfolgte.[13]
Pfarrkirche Schötz
Erstaunlicherweise keine Erwähnung findet bei Meyer-Sidler das Engagement Stirnimanns für die neue Pfarrkirche im Ettiswiler Nachbardorf Schötz. Hier erstellte er 1878 die Deckengemälde, wie einem Brief des Pfarrers Josef Glanzmann (1824–1902) an Melchior Paul von Deschwanden zu entnehmen ist: «Wie sie wahrscheinlich vernommen [haben], sind unsere von ihnen angerathenen Plafond-Gemälde […] im Schiff bald zu Ende gemalt von Hrn. Stirnemann in Ettiswil.»[14]
«Für jede Woche Verspätung wird ein Abzug v. 20 Fr. gemacht.»
Im Pfarrarchiv Schötz finden sich verschiedene Dokumente, welche von Stirnimanns Kunstmalerarbeiten zeugen.[15] Besonders interessant ist ein an Grossrat Jakob Bossart, Mitglied der Kirchenbaukommission, gerichtetes Schreiben. Darin geht Stirnimann auf verschiedene «für einen allfälligen Akkord» zu berücksichtigenden Punkte ein und bietet so einen Einblick in Fragen, die ihn in seinem Alltag als Kirchenmaler konkret beschäftigt haben:
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zunächst ist selbstverständlich der Preis ein Thema: «Summe v. Fr. 3000.-»,
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dann aber auch die Farbgebung: «der Farbenton der Wände muß komplementär v. Blau einen Stich in Roth haben»,
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gestalterische Fragen: «Fenster u.s.w. werden mit romanischen Ornamenten in Stil u. Technik verziert»,
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oder ganz praktische Anliegen: «Die Gerüste sind v. der Kirchgemeinde unentgeltlich u. zweckdienstlich zu erhalten».
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Im Weiteren werden eine Aufsichtsstelle bestimmt: «Der Maler F. St. ist gehalten, die Karton- u. Farbenskizen an einer Kunstschule unter Leitung v. Professoren, die der religiösen Malerei angehören, zu machen. (München, Düsseldorf!)»,
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eine Konventionalstrafe bei Terminüberschreitung vereinbart: «Für jede Woche Verspätung wird ein Abzug v. 20 Fr. gemacht.»
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und die Abnahmemodalitäten der Kunstmalerarbeiten festgelegt: «Dem lb. Kirchenrath kommt das Recht zu, nach Vollendung der Arbeiten, Sach- u. Kunstverständige ([…] Pf. Deschwanden, […] Sutter-Meier) anzurufen u. nach derer genauer Prüffung u. Gutachten die Arbeiten anzuerkennen odr. die Akkordsumme zurückzubehalten.»[16]
Künstlerisch unergiebig – finanziell lukrativ
Es ist davon auszugehen, dass die kirchlichen Aufträge für Stirnimann aus finanzieller Sicht von einiger Wichtigkeit waren. So zeigt etwa der mit der Pfarrei Ettiswil 1873 abgeschlossene Vertrag, dass Stirnimann mit 4‘000 Franken entlöhnt worden ist.[17] Laut dem historischen Geldwertrechner ‹Swistoval› entspricht dies heute, je nach Berechnungsart, 37'000 bzw. 216'000 Franken.[18] Enorm viel Geld für einen aus ärmlichen Verhältnissen stammenden jungen Kunstmaler. Geld, «was ich jets nöthig habe»[19], wie Stirnimann im Mai 1873 vielleicht angesichts der Kosten für die Unterbringung seiner kranken Schwester Maria Josefa in der Heilanstalt Rosegg betonte.[20]
«Studienköpfe u. Portrait will ich anfangen mit Freuden, wenn ich nur erst die hl. römisch-katholische Kirche los bin.»
Aus künstlerischer Perspektive gehörten die Kirchenmalereien indes kaum zu Stirnimanns bevorzugten Tätigkeiten. Gegenüber Ernst Stückelberg hält Stirnimann in einem Brief während seiner Arbeiten für die Ettiswiler Kirche fest: «Studienköpfe u. Portrait will ich anfangen mit Freuden, wenn ich nur erst die hl. römisch-katholische Kirche los bin.»[21] Künstlerische Herausforderungen suchte Stirnimann also eher anderswo, etwa im Bereich des Genres oder als Porträtist.